Erzeugnisse aus Keramik bilden für die Archäologie einen der größten und am weitesten verbreiteten Quellenkomplexe. Diese Art von menschlichen Artefakten aus der Vergangenheit gibt dem Forscher Aufschluss über das Leben des Menschen in den verschiedenen Zeiten ihrer Existenz. Die Entwicklung der Keramik bedeutete einen enormen technischen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit, vor allem in Bezug auf die Nahrungsvorbereitung und -aufbewahrung, und neben dem funktionalen Aspekt gab es für die Menschen wohl auch einen ästhetischen Aspekt (P. Rice 1987; Shepard 1976). Die Herstellung von keramischen Erzeugnissen war stets ein sehr aufwendiges und dabei auch kreatives Verfahren, weshalb es nicht verwundert, dass die Endprodukte in Gestalt und Funktion stark variieren. Über längere Zeit existente und tradierte Produktionsweisen ließen aber auch einige homogene keramische Stile entstehen. Eine starke Homogenität der keramischen Erzeugnisse lässt Rückschlüsse auf enge gesellschaftliche Beziehungen und soziale Kohäsionskräfte zu. Im Gegensatz dazu weisen unterschiedliche Produktionsweisen und Stilrichtungen von Keramik in einer Region auf differenzierende Kräfte hin bzw. lassen die Koexistenz verschiedener ethnischer Gruppen in dieser Region vermuten. Die Erforschung der Keramik und die Interpretation der Umstände ihres Entstehens sind von großer Bedeutung vor allem, wenn es um eine Zeit geht, aus der es keine schriftlichen Quellen gibt, die dem Forscher dienen könnten.
Ceramic Technologies Digital Library Projekt
Die digitale Bibliothek der Keramiktechnologie (CTDL) ist ein Instrument zur Klassifizierung und zur Analyse mittelalterlicher Keramik (ca. 600-1400 n. Chr.) aus dem östlichen Mitteleuropa, insbesondere dem Gebiet der Germania Slavica. Die Bibliothek wird aufgebaut und verwaltet durch das Historische Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald (Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte) unter Mitwirkung des Universitäts-Rechenzentrums, in Zusammenarbeit mit der Partnership for Research in Spatial Modeling (PRISM), dem Archäologischen Forschungsinstitut (ARI) der Arizona State University (ASU) und dem Roskilde Universitätszentrums (RUC). Das Projekt wird gefördert und finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen ihres Förderprogramms "Kulturelle Überlieferung" (Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme).
Das Forschungsgebiet "Germania-Slavica", die mittelalterliche Kontakt- und Begegnungszone deutsch und slawisch sprechender Menschen, umfasst die früher slawisch besiedelten Gebiete der heutigen deutschen Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern, außerdem heute zu Polen, Tschechien und der Slowakei gehörende Gebiete. Slawische Keramik fand jedoch auch darüber hinaus Verbreitung, so zum Beispiel im gesamten Ostseeraum, wo sie unter der Bezeichnung "Ostseekeramik" Eingang in die Literatur fand, aber auch im weiteren östlichen Mitteleuropa und Osteuropa, von der polnischen und litauischen Ostseeküste bis hin zu den Küsten der Adria sowie der Schwarzmeerküste und der Wolga. Das gemeinsame Dateneinzugsgebiet wird auf dieser Karte dargestellt.
June 14, 2008

